Badische Zeitung

 

Der Komatrinker im Klassenzimmer: Freiburger Klassenzimmertheater geht mit neuem Stück auf Tour

 

Ein faszinierendes Konzept: Das Freiburger Klassenzimmertheater kommt - auch mit seinem neuen Stück „Ich Komma Saufen“ - für eine Schulstunden in den Unterricht. Anschließend wird das Stück, in einer weiteren Schulstunde besprochen. 

 

Ein Stuhl, ein weißer Schultisch mit Ordner – selten ist eine Bühne so spartanisch ausgestattet. Realbedingungen für das 2015 gegründete Freiburger Klassenzimmertheater um Schauspielerin und Theaterpädagogin Veronika Bendiks und Regisseur Peter W. Hermanns, die an diesem Abend zur kostenlosen Vorstellung für Lehrkräfte und Interessierte in die Spielstätte Südufer geladen haben. Mehr als 300 Schulen haben sie angeschrieben, angemeldet haben sich gerade mal 15 Personen. Symptomatisch – und sehr schade, findet Bendiks: Anders als in Österreich oder Skandinavien gehört das Format des Klassenzimmertheaters hierzulande nicht in den Schulkanon, dabei wächst die Anzahl der Bühnenwerke. So ist es trotz institutioneller Förderung der Stadt Freiburg mühsam, Buchungen zu generieren. Drei Stücke haben sie aktuell im Programm, alle kommen direkt in den Unterricht, sind exakt für eine Schulstunde konzipiert und werden in der folgenden Stunde mit der Klasse vom Theaterteam nachbereitet.

An diesem Abend feiert "Ich Komma Saufen" des vielfach ausgezeichneten Theaterautors Holger Schober Premiere. Ein klassisches Präventionsthema, hier in einem packenden Monolog verdichtet. Da stürmt auch schon ein junger Typ in Lederjacke auf die Bühne, packt trotzig die Füße auf den Tisch. "Hi, ich bin H.", stellt er sich vor – "Kampftrinker auf Bewährung, dazu verdonnert als abschreckendes Beispiel aus seinem verschissenen Leben zu erzählen." Motivation – gleich null. Wie sich der zwanzigjährige Schauspielschüler Luca Nowag dann als H. fünfzig Minuten um Kopf und Kragen redet, kreiert das schillernde Porträt von einem, der glaubt, alles im Griff zu haben, und doch voller Verzweiflung steckt. Und Wut.

Beschönigungsgelaber und wilde Verdrängungsmanöver
Dabei sieht dieser H. gar nicht aus wie ein Alki, sondern wie ein Kumpel, mit dem man Spaß haben kann: schlimme Kindheit, asozialer Hintergrund? Fehlanzeige! Ein Abhängigkeitsproblem? Bullshit. Schließlich ist H. kein Loser. "Ich hab mich unter Kontrolle. Mir geht’s gut", so sein Mantra in Endlosschleife. "Lieber cool und tot als uncool und lebendig…", schiebt er trotzig hinterher. Dennoch hat er jede Menge Leichen im Keller: Zwei seiner besten Freunde sind gestorben, einer vegetiert nach einem Unfall sabbernd im Heim. Schuld – der Alkohol. Das sieht H. allerdings nicht so, stattdessen Beschönigungsgelaber, wilde Verdrängungsmanöver. "Im Leben musst du Rekorde aufstellen. Mittelmaß ist scheiße", so seine Überzeugung. Also saufen, bis der Arzt kommt…

So nahbar erzählt Luca Nowag H.s Geschichte, dass Realität und Fiktion zu verschwimmen scheinen. Energiegeladen und mit pulsierender Präsenz stürmt er durch die Publikumsreihen, trommelt mit seinen Schlagzeugstöcken wütende Rhythmen auf den Tisch, reißt Witze voller Galgenhumor. Umso bodenloser der Blick hinter seine Mauer, die immer wieder aufbricht.

Es ist eine eindringliche Begegnung und ein kluges Stück, das wie nebenbei Fakten vermittelt und gerade durch seine Unmittelbarkeit wirkt: Krass, intensiv und ganz ohne Zeigefingerei werden hier mit viel Wiedererkennungswert Mechanismen und Selbstlügen entlarvt. Das bietet viel Diskussionsstoff, wie auch die folgende Fragerunde zeigt. Rauschtrinken ist bis heute ein Thema unter Jugendlichen, auch deswegen wünscht man "Ich Komma Saufen" viele Zuschauerklassen.

 

Marion Klötzer 

So. 08.02.2026