Klassenzimmertheater ist weit mehr als eine künstlerische Gattung. Es ist vor allem auch eine pädagogische Maßnahme. Seine Stärke liegt in der Nähe zum Publikum und der Authentizität, die es vermittelt. Das Publikum wird direkt aus seiner Wirklichkeit abgeholt. Gleichzeitig bricht aber Fremdes in diese Realität ein, so dass sich reale und fiktive Handlung nicht länger trennen lassen. Das Theater rückt dem Publikum buchstäblich zu Leibe. Denk- und Reflexionsprozesse werden in Gang gesetzt. Dabei hat sich Theater im Klassenzimmer als brauchbares Vehikel der Wissensvermittlung und Thematisierung schwieriger Themen mit Anderen als schulisch-pädagogisches Mittel bewährt. Aus Zuschauern werden Mitspieler, die immer auch Zuschauer bleiben.

 

 

 

Die Badische Zeitung schreibt:

 

 

Spielen und Diskutieren

Freiburger Theater für Klassenzimmerstücke gegründet.

 

  1. Machen Theater für Schülerinnen und Schüler: Veronika Sautter-Bendiks und Peter W. Hermanns Foto: Ossenberg

 

 

 

Das Deutsche Theater in Berlin hat es in einer Bewertung der eigenen Arbeit mal auf den Punkt gebracht: "Es geht nicht darum zu zeigen, was Theater alles kann, sondern vielmehr darum, wie wenig Theater eigentlich braucht." Die Rede ist von einem Genre, das es erst seit etwa zehn Jahren in Deutschland gibt: Das Klassenzimmertheater.

In Freiburg gibt es nun auch eines – gegründet von zwei leidenschaftlichen Theatermenschen: Der Schauspielerin und Theaterpädagogin Veronika Sautter-Bendiks (Jahrgang 1983) und dem Schauspieler und Regisseur Peter W. Hermanns (Jahrgang 1957). Am kommenden Montag starten sie mit ihrer ersten Premiere an der Max-Weber-Schule in Freiburg durch: "Erste Stunde" von Jörg Menke-Peitzmeyer ist ein Stück über Mobbing und Gewalt an Schulen. Veronika Sautter-Bendiks spielt Klara, die neu in eine Klasse kommt und sich endlich von ihrem Schicksal als Mobbing-Opfer befreien will. Ihr Mittel ist die Provokation: Klara versucht, die Klassengemeinschaft aufzubrechen. Jedes Mädchen, jeder Junge muss sich zu der neuen Schülerin verhalten. Peter W. Hermanns führt Regie.

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Das als Theatermonolog konzipierte Stück wird für Hermanns zu einem Dialog, denn die Schülerinnen und Schüler ab 13 würden direkt angesprochen und auch mit einbezogen. "Das ist schwierig zu proben, denn die Schauspielerin muss sich ihre Gegenüber ja lange Zeit nur vorstellen", sagt der Regisseur. Sautter-Bendiks freut sich auf die Herausforderung, "dass jede Aufführung anders wird, finde ich sehr reizvoll".

Ein paar Tage vor der Premiere hat es bereits eine Lehrervorführung gegeben. Denn es sind zunächst die Pädagogen, die überzeugt werden müssen, das Klassenzimmertheater zu buchen. Sautter-Bendiks und Hermanns, die zu allen Schulen in Freiburg und im Umkreis von rund 100 Kilometern kommen wollen, immer eine Doppelstunde an: Zunächst wird das Theaterstück gespielt, während der zweiten 45 Minuten wird das Gesehene dann mit allen Beteiligten diskutiert.

Peter W. Hermanns hat sich neben anderem durch eine Erfahrung zur Gründung des Klassenzimmertheaters inspirieren lassen: Er hat für das Freiburger Theater Radix das Klassenzimmerstück "Ich Komma Saufen" von Holger Schober inszeniert. Die Rückmeldungen von Seiten der Schülerschaft und der Lehrer seien immer sehr gut gewesen, sagt er. Beeindruckt seien die Zuschauer meist von der Authentizität des Stückes und der Figuren: Klassenzimmerstücke sind immer künstlerische und pädagogische Arbeit.

Ziel der künstlerischen Leiter des neuen Theaters ist es, fünf bis sechs Stücke im Programm zu haben – für unterschiedliche Altersgruppen. Sautter-Bendiks und Hermanns können sich auch vorstellen, das befreundete Künstlerinnen und Künstler ein solches Klassenzimmertheater produzieren und unter dem Dach des Theaters anbieten. "Der Bedarf ist da", sind sie sich einig.

Und wie wird das Angebot finanziert? "Erste Stunde" hat eine Projektförderung des Landesverbands Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg erhalten. Sonstige öffentliche Förderung gibt es (noch) nicht, die Schulen zahlen pro Vorstellung, damit Schauspieler und Rechte für das Stück finanziert werden können.